Kulturwandel in Unternehmen

Prozesse digitalisieren, Unternehmenskultur erneuern

Von Christian Raum · 2020

Mit dem New Normal erhoffen sich viele Verantwortliche einen Wandel hin zu einer umfassenden Digitalisierung. Für diese Herkulesaufgaben werden sie alte Strukturen zerschlagen. In der neuen Arbeitswelt werden die Positionen der konfliktsuchenden Abteilungsleiter und ihrer Buddys mit schnellen, sogenannten „agilen“ Teams neu besetzt.

Videokonferenz am Laptop
Videokonferenzen sind ein wichtiges Werkzeug für digitale Arbeitsprozesse. Foto: iStock / AndreyPopov

Ein entscheidender Teil des Wertes eines Unternehmens ist dessen Wissen. Und das wird im New Normal mehr und mehr mit Unterstützung der Informationstechnologie – Netzwerke, künstliche Intelligenz, Sprachsteuerung, virtuelle Realität – dorthin gelangen, wo es gebraucht wird. Bislang stiegen Ingenieure oder Wartungstechniker in Flugzeuge, um auf anderen Kontinenten Fertigungsanlagen aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Die Verantwortlichen werden viel weniger Dienstreisen etwa in Risikogebiete zustimmen. Also wird der Einsatz neuer Werkzeuge nötig, damit die Kommunikation möglich bleibt. Und obwohl sie nicht vor Ort sein können, soll die Qualität der Arbeit über dem Niveau liegen, das durch die persönliche Anwesenheit erwartet werden würde. 

Arbeit in der virtuellen Welt

Die Antwort auf dieses scheinbare Paradoxon sind Tätigkeiten innerhalb der virtuellen Realität von Onlineplattformen und digitalen Räumen. Dies klingt nach Science Fiction, tatsächlich werden aber die grundlegenden Technologien millionenfach in Computerspielen verwendet: Gamer aus Ländern rund um den Globus treffen sich über das Internet in ihrer eigenen, virtuellen Welt. Hier bilden sie Teams, lösen Aufgaben, bauen ein gemeinsames Verständnis auf, lernen und erschließen sich neues Wissen – ohne sich jemals im realen Leben zu begegnen. Nach diesem Vorbild treffen sich Ingenieure und Produktdesigner in 3D-Welten, in denen sie gemeinsam und von unterschiedlichsten Orten ihre CAD-Modelle analysieren, Arbeitsprozesse bei der Konstruktion und der Inbetriebnahme absprechen und Produkte auf Schwachstellen abklopfen. 

In den virtuellen Umgebungen bietet künstliche Intelligenz ein enormes Potential – etwa wenn Algorithmen Turbinen oder Motoren vorab nicht nur berechnen und die beste Konfiguration vorschlagen, sondern sie aus den Standardteilen virtuell assemblieren. Ingenieure können diese Modelle in einen sogenannten „digitalen Zwilling“ verwandeln, also in die virtuelle Nachbildung eines neuen Produktes, das sie im nächsten Schritt bei den Produktdesignern und später dann in der Fertigung in Auftrag geben. Das Beispiel zeigt – New Work bedeutet ein ganz grundsätzliches, tiefes Vertrauen in die Informationssysteme. Und New Work beruht darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich darauf verlassen können, dass die Vorschläge der Algorithmen häufig besser sind, als die eigenen Ideen. Erst dann haben sie den Mut, die Ergebnisse aus dem Computer tatsächlich in der Realität zu verwirklichen. 

Auf Digitalisierung bauen

Dies gilt natürlich auch in den Verwaltungen und den Homeoffices, die Durchdringung mit Software ist gerade in den vergangenen Monaten im Verlauf der Pandemie enorm gestiegen. Auch hier sind es die Arbeitgeber, die für die Implementierungen der neuen Prozesse verantwortlich sind. Dabei schlagen Personalverantwortliche eine Zweiteilung der Arbeit vor – die Routinearbeiten, die Mitarbeiter zu Hause erledigen. Und zweitens sogenannte Kreativarbeiten, für die sich die Kollegen in den Büros treffen. Hier diskutieren und streiten sie im Team. Neben dem persönlichen Gespräch sind Emotionen ausdrücklich erwünscht und gelten als ein wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit. Die Meetings finden in „Creative Areas“ statt, die benötigten Werkzeuge sind womöglich lediglich ein Stift, ein Stück Paper oder ein Flipchart. 

Diese Arbeit in Teams soll flache Strukturen fördern. Viele Personalverantwortliche wollen, dass genau die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hoher fachlicher Kompetenz Karriere machen und Verantwortung erhalten. Sie möchten die von ihnen gut ausgebildeten Talente und Persönlichkeiten an das Unternehmen binden, sie weiterbilden und ihnen einen aufreibenden und verlustreichen Weg durch die Hierarchien nach oben ersparen. Kritiker schütteln den Kopf. Sie erkennen in dieser „friedlichen“ Organisation der Arbeitswelt häufig nur einen Marketinggag, der als Alleinstellungsmerkmal für die Suche nach Bewerberinnen und Bewerbern taugen soll.

New Work erfordert Kulturwandel in Unternehmen

Dagegen ist einzuwenden, dass die neue Kultur und das neue Denken eine schlichte Notwendigkeit ist, die auch aus dem New Normal resultiert: Wenn das Topmanagement das gesamte Unternehmen nach Maßgabe und Vorstellung der Digitalisierung und Automatisierung umbaut, werden hunderte, in einem weltweiten Konzern tausende Prozesse neu konzeptioniert und programmiert. Offensichtlich zerschlagen die Verantwortlichen für diese digitale Herkulesaufgabe die alten Strukturen. Und in der neuen Arbeitswelt werden dann die Positionen der konfliktsuchenden Abteilungsleiter und ihrer Buddys mit schnellen, sogenannten „agilen“ Teams neu besetzt. Die sollen pragmatisch, sauber und schnell arbeiten, Ergebnisse liefern und den digitalen Wandel beschleunigen.

Es sind diese offenen Strukturen, die gemeinsame interdisziplinäre Diskussion und die gemeinsame
Entscheidungsfindung fördern sollen. Dafür fordern die Unternehmen von ihren Mitarbeitern Mut – den Mut für die neuen Werte einzustehen und die Digitalisierung umzusetzen. Dazu gehört auch, alte IT-Systeme abzuschalten und zu ersetzen. Damit ist eine große Verantwortung für den Wandel verbunden – und das Angebot mit großen Budgets gute Ergebnisse zu erzielen und schließlich eigene Teams zu führen. Denn je mehr Verantwortung jeder Einzelne übernimmt, so ist die Erwartung, desto mehr identifizieren sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Zweck einer Unternehmung. Und desto eher sind sie bereit Entscheidungen, die Erfolge wie auch Misserfolge der Organisation zur Konsequenz haben, mitzutragen.

Quellen:
riverbed: Future of Work Survey
ifo Institute: Short-Time Work Reaches Almost All Sectors in Germany
Deloitte: KI-Studie 2020

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